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ROTES MEER

Jordaniens Top-Wrack: die »Cedar Pride«

König Abdullah sei Dank: Nachdem das ausgebrannte Wrack der »Cedar Pride« jahrelang im Hafen von Aquaba vor sich hingerostet hatte, schlug der damalige Thronfolger und begeisterte Taucher vor, es an anderer Stelle zu versenken und zur Tauchattraktion zu machen. Gesagt, getan.

Es war der 4. August 1982. Das Feuer auf der »Cedar Pride« brach völlig überraschend aus, nachdem, so einige Augenzeugen später, vermutlich ein undichter Gasanschluss in der Kombüse den Brand ausgelöst hatte.

Dichter, schwarzer Rauch quoll aus der Schiffsküche hervor. Die Feuersbrunst breitete sich in Windeseile aus, drängte in die tiefer gelegenen Decks und in den Maschinenraum, während weitere Flammen in die Höhe leckten und binnen kürzester Zeit auch die Brücke erreichten. Unter der völlig überraschten Besatzung brach ein heilloses Durcheinander aus, jeder versuchte sich in Sicherheit zu bringen.

Flammen-Inferno

Die Rettung war nah, denn das Schiff lag am Kai. Doch das Inferno, das achtern den ganzen Frachter in Rauch und Flammen hüllte, nahm noch an Intensität zu. Kleinere Explosionen von Gasflaschen und anderen Behältnissen mit Chemikalien übertönten das Krachen zusammenfallender Aufbauten. Die Hitze war mittlerweile so groß, dass sich massive Stahlplatten zu verformen begannen. Das Schiff war nicht mehr zu retten, der gesamte hintere Bereich mit allen Unterkünften, dem Maschinenraum, der Kombüse, der Brücke und den lebenswichtigen technischen Einrichtungen stand in Flammen.

Der Tod des Kapitäns

Die Feuerwehr von Aqaba war machtlos. Was sollte sie auch noch retten oder löschen? Leere Laderäume oder gar das Vorschiff mit seinen Ankerwinden, wo nichts brennen konnte? Man beschränkte sich daher auf den Schutz anderer Schiffe und Hafenobjekte. Entsetzen machte sich erst breit, als eines der letzten Besatzungsmitglieder, der Koch, den Kai erreichte. Völlig verstört berichtete er, dass er den rettenden Weg aus den Flammen nicht mehr gefunden hätte, wenn ihn nicht der Kapitän, wie auch zuvor noch einige weitere Kameraden, nach oben gebracht hätte. Allerdings habe er ihn in dem Durcheinander verloren und wisse auch nichts über seinen Verbleib. Später zeigte sich die traurige Wahrheit: Der libanesische Kapitän der »Cedar Pride«, Abdullah Ahmar, und ein Matrose waren in der Feuersbrunst ums Leben gekommen.

Gerüchte

Nach dem Feuer entstanden die unterschiedlichsten Gerüchte über die Ladung des Schiffs und die Ursachen des Brandes. Die einen sprachen davon, es habe Baumwolle geladen, andere meinten, das Schiff sei voller Hühner gewesen, die dritte Gruppe behauptete, es habe Phosphat transportiert, während eine vierte mutmaßte, die »Cedar Pride« habe überhaupt keine Ladung an Bord gehabt. In Wahrheit war das Schiff schon im Juli in den Hafen von Aqaba eingelaufen, um eine Ladung von Phosphat- und Kalidünger für den Irak an Bord zu nehmen. Das heißt, die Laderäume waren zum Zeitpunkt des Feuerausbruchs in der Tat noch leer.

Geldprobleme

Nach der Katastrophe entbrannte der Streit, wer für den Schaden aufzukommen habe. Die Versicherungen schalteten auf stur, da angeblich mit den Papieren des Schiffs einiges nicht gestimmt hatte, die Hafenbehörden wiederum verlangten Liegegebühren für den Schrotthaufen, die keiner zahlen wollte. Folglich schleppte man nach einiger Zeit das ausgebrannte Schiff zunächst auf Reede und ließ es hier für einige Jahre »gebührenpflichtig« weiterrosten. Doch irgendwann wurde den Behörden klar, dass sie keinen Dinar sehen würden - und im Gegenzug erhielten sie die traurigen Überreste der »Cedar Pride«.

Prinz und Taucher

Zu diesem Zeitpunkt schaltete sich der damalige Kronprinz Abdullah ein. Als begeisterter Taucher schlug er vor, die »Cedar Pride« in der Nähe von Aqaba in unmittelbarer Küstennähe in flachem Wasser zu versenken. Man könnte zu den attraktiven Tauchgebieten im Süden der Hafenstadt eine weitere Attraktion hinzufügen, ein interessantes Wrack, ein künstliches Riff. Unter königlicher Oberaufsicht wurden die Überbleibsel für einen symbolischen Preis erworben. Das Projekt machte schnelle Fortschritte: Treibstoff, Öl und ölhaltige Teile ließ man entfernen und die Tanks reinigen. Alles, was das Feuer nicht beschädigt hatte, wurde demontiert. In enger Kooperation mit der Royal Jordanian Navy wurde das Schiff auf seine letzte Reise gebracht.

 

Seitenlage in Strandnähe

Bewusst hatte man sich einen Versenkungsort ausgesucht, der sich ganzjährig durch eine überdurchschnittlich gute Sicht und wind- wie strömungsarmes Wasser auszeichnet und zudem in unmittelbarer Nähe eine attraktive Rifflandschaft besitzt. Etwa zehn Kilometer südlich von Aquaba und nur 150 Meter vom Strand entfernt, montierten Spezialisten je zwei Sprengladungen an jeder Rumpfseite. Unter reger Teilnahme der Öffentlichkeit und der Presse wurden diese vier Ladungen im Herbst des Jahres 1985 gezündet. Man hatte sich eine ebene Fläche ausgesucht, um das Wrack aufrecht auf dem Grund zu platzieren. Doch diese Absicht schlug fehl, vermutlich wegen ungleichmäßig einströmenden Wassers. Die »Cedar Pride« legte sich in 24 Meter auf ihre Backbordseite, fast parallel zum Riffverlauf.

Erdbeben

Am 26. November 1995 gegen 6.15 Uhr erschütterte ein Erbeben das Wrack. Mit einer Stärke von 6,9 auf der Richterskala hatte das Beben sein Epizentrum im Golf von Aqaba. Die »Cedar Pride« rutschte etwa zwei bis drei Meter tiefer, ohne dabei ihre Lage zum Grund nennenswert zu verändern. Dass sie, wie beispielsweise die »Jolanda« in Ägypten, in unerreichbare Tiefen verschwinden könnte, ist aber unmöglich. Denn nach dem Wrack folgt zum offenen Wasser hin nur noch leicht abschüssiger Sandgrund, der mit einzelnen Korallenblöcken durchsetzt ist.

Üppiger Bewuchs

Herausragender Orientierungspunkt am Vorschiff ist der Lademast, der sich unmittelbar hinter der Ankerwinde befindet. Festmacherpoller zu beiden Seiten der hochgezogenen Bordwand stehen in unmittelbarer Nähe zu einer kleinen Lukenöffnung, die zur Bilge oder dem Kettenkasten im Vorschiff führte. Der Flaggstock an der Bugspitze ist wie der Ladebaum des vorderen Mastes noch vorhanden. Dieser Mast ist, wie viele Teile des Wracks, mit üppigen Weichkorallen bewachsen. Drei offene Türen führen in die Enge des inneren Vorschiffs. Durch die rechts außen befindliche Tür kann man im Licht des Scheinwerfers einen Dieselmotor erkennen, der einst zum Aufziehen der Anker diente. Zwei Löcher, das eine im vorderen Mittschiffsbereich, das größere am Achterschiff, sind die einzigen sichtbaren Zeugen der willkürlich herbeigeführten Explosionen.

Leere im Inneren

Das Schiff wurde vor seiner Versenkung ausgeschlachtet. Im Inneren erwartet den Taucher nichts von Bedeutung, lediglich kahle, rostige Wände und Reste von irgendwelchen Versorgungsleitungen. Beeindruckend ist ein Abstecher zu Kiel und Vordersteven. Er liegt auf etwa 24 Meter und ist an seiner Unterseite dicht mit Weichkorallen und kleinen Anemonen bewachsen. Da der Bug auf einer kleinen Schräge liegt, kann man ihn auf einer Länge von zehn bis zwölf Meter untertauchen. Dieser Abschnitt gehört zu den fotogensten Stellen des Wracks. Taucht man etwas höher und folgt dem Rumpf an Steuerbord, so erscheint alsbald einer der ehemaligen Namen des Schiffs als aufgeschweißtes Relief: »San Bruno«. Die beiden zweigeschossigen, gleich großen Laderäume bieten nichts als Leere und einige durcheinander geworfene Abdeckungen.

Die Brücke

Folgt man dem zweiten Frachtraum zur Brücke, so sind zur Rechten und zur Linken die Ladebäume der beiden hinteren Lademasten zu sehen. Die beiden Masten selbst erheben sich zu beiden Seiten der Brücke und gleichen mit ihrer Querverbindung einem auf dem Kopf stehenden »U«. Ihre Spitzen sind wie die gesamte Konstruktion mit großen Weichkorallen in den unterschiedlichsten Farben dicht bewachsen. Fische schwimmen durcheinander - eine der großen Attraktionen des Wracks. Die Brücke wurde durch das Feuer stark beschädigt, selbst dicke Stahlplatten verbogen sich im Flammeninferno. Gespenstisch wirkt die Brücke mit ihren sechs hohlen, ausgebrannten Fenstern, wenn man sich ihr vom Bug aus nähert.

Signalhorn am Schornstein

Viel gibt es an der Brücke nicht zu sehen, der Taucher schwimmt am besten gleich weiter zum Schornstein, der auch auf die Lage des Maschinenraums hinweist. Dieser ist von der Brücke aus mit wenigen Flossenschlägen zu erreichen, da ihr Dach durch das Feuer völlig vernichtet wurde. Ein markanter Punkt am Schornstein ist das Signalhorn, ebenso das Wappen der ehemaligen Reederei. An dieser Stelle erreicht man mit neun Metern die minimalste Tiefe am Wrack. Die vier Blätter der fast ganz freiliegenden Schiffsschraube sind zum Teil schwer beschädigt. Trotzdem stellt sie mit dem Ruderblatt einen attraktiven Punkt für Filmer und Fotografen dar.

»Kleiner Bruder«

Vom Heck kann man in einem rechten Winkel seewärts tauchen. Nach 20 bis 25 Metern stößt man unweigerlich auf ein zweites, kleines Wrack. Dieses ehemalige Fischerboot wurde gemeinsam mit der »Cedar Pride« versenkt. Sein Zustand ist schlecht: Von dem ehemals etwa acht bis zehn Meter langen und zwei Meter breiten Rumpf ist nicht mehr viel zu sehen. Und trotzdem, der Abstecher lohnt sich. Schließlich ist man ohnehin in der Nähe, auf Entdeckungsreise im künstlichen Wrack »Cedar Pride«.